Der Platz im Zentrum von Şirnak ist voll mit Menschen. In zwei Ringen stehen sie um die Bühne, vorne dominieren weisse Kopftücher, hinten dunkle Anzüge - traditionelle Festkleidung und bunte Tücher in den Farben Kurdistans sorgen für Farbtupfer. Die Stimmung ist freudig, es wird getanzt und gejubelt, wir Fremden befragt, berührt, bejubelt. Doch dieses Fest ist kein normales Volksfest:
Als Frühlingsfest der KurdInnen sind die Newrozfeiern eng mit dem Kampf der KurdInnen um kulturelle Rechte und Gleichberechtigung verbunden. Newroz steht für Freiheit, den Wunsch nach Frieden und kurdisches Selbstbewusstsein. Eben deswegen waren die Feierlichkeiten in den 1990ern verboten und auch in diesem Jahr gab es zahlreiche Versuche der von der Zentralregierung kontrollierten Behörden das Fest zu torpedieren: In Sirnak wurde die Feier, die für das Wochenende geplant war, nur für den heutigen Freitag genehmigt, ein Ankündigungsplakat musste eingestampft werden und in Diyarbakır sollte die Feier nicht im Stadtzentrum stattfinden.
Die politische Bedeutung des Fests ist in Şirnak unübersehbar: An den Eingaengen zum Festplatz sind ein Wasserwerfer und mit Maschinengewehren bestückte Fahrzeuge aufgefahren. Soldaten mit Gewehren sind auf den Daechern postiert, ein Militaerhubschrauber überfliegt den Festplatz. Polizisten mit Schlagstöcken und Schutzkleidung stehen bereit. Fahrten der Militaerfahrzeuge durch die Strassen und unsere staendige Begleitung durch ein Geheimdienstfahrzeug scheinen zum Alltag zu gehören. An den Eingangskontrollen werden die Menschen durchsucht, Frauen wird auf der Suche nach Plakaten mit verbotenen Aufschriften unter die Kleidung gefasst.
Die Feiernden lassen sich davon wenig beeindrucken. In Liedern werden militaerische Erfolge der PKK besungen, PolitikerInnen halten ihre kaempferischen Reden auf Kurdisch und zwischendrin ertönt immer wieder der Ruf 'Es lebe Apo, unser Vorsitzender!', um den inhaftierten PKK-Chef Abdullah Öcalan zu ehren. Als Reaktion werden vier Personen verhaftet, zwei davon von einer Spezialeinheit, die in der Naehe der Stadt ein bekanntes Foltergefaengnis unterhaelt.
Als die Menschen am Nachmittag den Festplatz verlassen, ist es in Şirnak dennoch überwiegend friedlich geblieben. Von Seiten der Polizei blieb es bei den genannten Provokationen, doch die Repressionen sind vor allem im Alltag zu spüren: Bei wilden Newrozfeuern am Abend war es gestern zu Zusammenstössen gekommen. Mit Wasserwerfern, Traenengas und mit Schlagstöcken bewaffneten Polizisten wurde ein Fest aufgelöst, der Bürgermeister, der den Polizeieinsatz ebenso wie eine Abgeordnete der DTP beobachten wollte, mit Gewalt zur Seite gedraengt. Immer wieder berichten Menschen von Verhaftungen, laufenden Verfahren gegen sie und Foltererfahrungen, letzte Woche wurden sogar Kinder verhaftet und auf der Polizeistation geschlagen.
Unsere Teilnahme an diesem Fest bedeutet für mich Solidaritaet mit von Repressionen betroffenen KurdInnen und die Unterstützung von ihren Bemühungen um Frieden und Freiheit. Newroz Pirozbe!
Freitag, 21. März 2008
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
1 Kommentar:
hey,
find ich echt stark, dass ihr nun dort seid und den kurden zeigt, dass ihr schicksal auch in deutschland beachtung findet. bin gespannt mehr zu lesen und natürlich auf viele geschichten im sommersemester. ich wünsch dir frohe ostertage in der türkei!
bis bald
lg,
Marten
Kommentar veröffentlichen